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Das Problem

Nicht erst seit der Pandemie erleben wir einen zunehmenden Rückzug vieler Menschen aus dem öffentlichen Raum und eine Hinwendung ins Private. Die digitalen Tools der großen Tech-Konzerne lassen uns unser Leben bequem vom Sofa aus steuern, in den eigenen vier Wänden versuchen wir die Bedrohlichkeit einer sich immer schneller drehenden Welt zu vergessen.

Die Folgen dieser Entwicklung sind tiefgreifend und werden symbolisch vor allem in unseren Innenstädten deutlich. Als Herz der Stadt waren sie lange Zeit ein Ort für Erlebnisse, für Austausch und Begegnung, haben aber in vielen deutschen Städten einen schleichenden Niedergang erfahren. Immer häufiger ist eine Abwärtsspirale aus Leerstand, Vandalismus und Kriminalität zu beobachten, gute Gründe für einen Besuch der City werden seltener.

Dieser Negativimpact wirkt auf gleich dreierlei Ebenen:

Die Kommune

Innenstädte sind die Visitenkarte einer Stadt und entscheiden maßgeblich mit über die Attraktivität eines Lebens- und Wirtschaftsraums. Eine sterbende City bringt somit nicht nur Mindereinnahmen in der Gewerbesteuer mit sich, sie macht die Stadt vor allem weniger attraktiv für den Tourismus und schreckt zudem potentielle Fachkräfte ab, um die sich Unternehmen und die öffentliche Hand immer stärker bemühen müssen. Bei einer einsetzenden Abwärtsspirale entstehen für Städte und Gemeinden viele neue Herausforderungen (Angsträume, Vandalismus, Kriminalität) bei gleichzeitig immer geringeren finanziellen Spielräumen.

In den vergangenen Jahren sind bereits viele Programme zur Rettung der Innenstädte aufgelegt und viele Investitionen getätigt worden – meistens mit überschaubarem Erfolg. Die Maßnahmen beschränken sich zumeist auf die Anschaffung von neuen Sitzgelegenheiten, mehr Begrünung und temporären Pop-Up-Flächen, die kurzzeitig für subventionierte Belebung sorgen können.

Für eine nachhaltige Veränderung wäre ein intensives Zusammenspiel mit vielfältigen Stakeholdern und sich teilweise widersprechenden Interessenlagen erforderlich. Neben einer aktiven Stadtgemeinschaft wären vor allem Vermietende mit Preisanpassungen gefragt. Hierbei handelt es sich häufig nicht mehr um regionale Akteure, sondern große Immobilienkonzerne oder Investmentfonds, die nur schwer für Gespräche oder Maßnahmen zu greifen sind. Konzentrierte und zielgerichtete Aktionspläne für die Innenstädte laufen zahlreich ins Leere.

Die Gesellschaft

Auf gesellschaftlicher Ebene erleben wir in den letzten Jahren vor allem eine immer stärkere Individualisierung und auch Polarisierung. Ehemals feste Säulen von Gemeinschaft wie Kirche, Vereine, Parteien oder selbst Kneipen verlieren zunehmend an Bedeutung. Amazon statt Schaufensterbummel, Netflix statt Kino, Lieferando statt Restaurantbesuch – und selbst der gute alte Kneipenflirt wird durch Plattformen wie Tinder oder Parship ersetzt.

Zugleich erleben wir einen zunehmend rauer werdenden Umgangston, egal ob in den so genannten sozialen Netzwerken oder auch auf offener Straße. Fakenews, Hatespeech und auch Phänomene wie Filterblasen und Echokammern lassen Menschen mit verschiedenen Lebensentwürfen sich oftmals unversöhnlich gegenüberstehen.

Diese Entwicklung geht auch nicht spurlos an unserer Demokratie vorbei, wie der rasante Aufstieg von populistischen und radikalen Kräften in Deutschland zeigt. Das Vertrauen in die Demokratie und unsere Institutionen ist in den letzten Jahren erheblich gesunken. Ob eine Gesellschaft funktioniert, erfahren die Menschen dabei vor allem unmittelbar vor Ort. Hier spüren sie, ob der Bus noch fährt, die Nahversorgung gewährleistet ist und wie es um die Schulen bestellt ist. Eine verfallene Innenstadt trägt somit unmittelbar zu einem negativen Demokratieverständnis bei.

Das Individuum

Eine lebendige und vielfältige Innenstadt ist für die Lebenszufriedenheit vieler Menschen von zentraler Bedeutung. Hier finden sie im Idealfall alle Dinge des täglichen Bedarfs und erleben Austausch, Gemeinschaft und Begegnung. In Befragungen wird häufig eine italienische Piazza mit vielen inhabergeführten Geschäften sowie zahlreiche Cafés, Bistros und Restaurants als Wunschvorstellung genannt.

Eng verknüpft ist mit den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen zudem der Faktor Einsamkeit, von der sich immer mehr Menschen betroffen fühlen und das in der Forschung bereits als um sich greifende Pandemie benannt wird.